Management

Management 2018-09-06T13:28:26+00:00

„Wir haben umgedacht“

Pflegebedürftige Menschen motivieren, damit sie wieder auf die Beine kommen. Das ist das Ziel in den 13 Einrichtungen des Altenpflege-Unternehmens domino-worldTM. Ein Gespräch über menschenwürdige Pflege, Diskriminierung alter Menschen und gesellschaftliches Engagement mit Dr. Petra Thees, Geschäftsführerin, und Lutz Karnauchow, Vorstand von domino-worldTM.

Im Zentrum Ihres Unternehmens steht das domino-coachingTM – ein Pflegekonzept, das Sie entwickelt haben und für das Sie schon mit vielen Preisen ausgezeichnet worden sind. Was hat es damit auf sich?

Thees: domino-coachingTM reicht über das hinaus, was im Allgemeinen unter Pflege in den Heimen und Pflegediensten verstanden wird. Wir übertragen beim domino-coachingTM den Gedanken der Rehabilitation auf die Altenpflege. Das heißt, Ziel ist es, verlorene Fähigkeiten – wie gehen, selbstständig essen und anziehen – wiederzugewinnen. Im ambulanten Bereich haben wir zum Beispiel eine große Anzahl von Patienten, die die Wohnung nicht verlassen, weil sie ein paar Treppenstufen nicht bewältigen können.

„Sie stellen Übungspläne auf
und motivieren die Patienten.“

Und warum verwenden Sie den Begriff „coaching“?

Karnauchow: Wir sprechen lieber von „coaching“ als von Pflege, weil es ums Trainieren geht. Wie ein Coach die Fußballer oder Eishockeyspieler trainiert, sind unsere Mitarbeiter die Trainer ihrer pflegebedürftigen Patienten. Sie stellen Übungspläne auf und motivieren die Patienten. Dafür brauchen unsere Pflegekräfte viel Einfühlungsvermögen, denn viele Patienten sind in einer existenziellen Krise und haben sich häufig bereits aufgegeben.

Wie geraten pflegebedürftige Menschen in eine solche Krise? Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland ist doch gut.

Thees: Die Behandlung in den Krankenhäusern und das Programm in den Reha-Kliniken kann noch so gut sein – wenn die Patienten anschließend pflegebedürftig nach Hause oder in ein Pflegeheim kommen, passiert mit Blick auf Rehabilitation nicht mehr viel. Vielleicht bekommen sie noch ein paar Mal Physio-, Logo- und Ergotherapie, aber das reicht nicht. Viele Patienten verlieren in dieser Situation die Hoffnung auf Besserung.

Karnauchow: Pflegebedürftige Menschen werden in der Altenpflege oft überhaupt nicht gefordert. Wenn sie dagegen in einer motivierenden Umgebung leben würden, könnten sie ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten viel besser erhalten. Doch so bauen sie immer mehr ab und sehen keine Perspektive mehr.

Wie schaffen Sie es, im Rahmen des domino-coachingsTM die Menschen wieder aufzubauen?

Thees: Als Erstes führen unsere Mitarbeiter intensive Gespräche mit den Patienten. Wenn die pflegebedürftigen Menschen immer wieder hören: Wir kriegen das wieder hin! Sie kommen wieder auf die Beine! Das haben schon ganz andere geschafft! Dann besteht die Chance, dass sie wieder Hoffnung schöpfen und sich für ein Reha-Programm öffnen.

„Bei uns sind
alle Pflegekräfte geschult.“

Das heißt, Ihre Pflegefachkräfte sind speziell in Rehabilitation geschult?

Karnauchow: Bei uns sind alle Pflegekräfte geschult, ein Teil speziell als domino-coach. Die domino-coaches erwerben zum einen Reha-Techniken und erfahren, wie ein individuelles Training aufgebaut wird. Zum anderen lernen sie, wie sie die Patienten motivieren können. Boris Becker hat mal gesagt: Das Spiel wird nicht auf dem Center Court gewonnen, sondern im Kopf entschieden. Das heißt, die mentale Einstellung des Sportlers ist maßgeblich für den Erfolg oder Misserfolg. Auch unsere Patienten müssen ein Ziel vor Augen haben, damit sie Fortschritte machen.

Thees: Es geht oft um kleine Dinge im Alltag. Wir hatten zum Beispiel eine Patientin, die unbedingt mal wieder ein Café besuchen wollte. Sie konnte neun Jahre lang ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Nach mehrwöchigem domino-coachingTM war die Frau tatsächlich wieder in der Lage rauszugehen! So konnte sie sich ihren Wunsch erfüllen und hat sich zum Kaffeetrinken mit ihren Freundinnen getroffen.

Wie erreichen Sie solche Fortschritte? Wie sieht das Training konkret aus? Mit sechsmal Physiotherapie ist es ja nicht getan.

Thees: Die Patienten können in den meisten Fällen ihr Ziel nur erreichen, wenn sie wieder gehen können, und sei es am Rollator. Dafür trainieren sie verschiedene Muskelgruppen. Im Sitzen ein Bein hochheben zum Beispiel. Wir können sie aber nicht laufend beim Training begleiten – bei uns arbeiten auch nicht mehr Mitarbeiter als in anderen Heimen oder Pflegediensten. Neben der Gruppenarbeit müssen die Patienten deshalb auch allein üben, mehrmals die Woche für zwanzig bis dreißig Minuten.

Sind Ihre Patienten denn wirklich so diszipliniert und üben allein?

Thees: Wir haken immer wieder nach. Jeder Mitarbeiter, der den Patienten aufsucht – zum Beispiel zur Injektion oder zum Verbandwechsel –, fragt ihn ganz nebenbei: Und Herr Meier, wie war es heute mit Ihren Übungen? Außerdem müssen die Patienten in Therapieprotokollen schriftlich bestätigen, dass sie ihre Übungen gemacht haben. Da sind wir ziemlich streng. In der Reha-Klinik wird auch keiner gefragt, ob er Lust hat, an die Sprossenwand zu gehen.

„Immer wieder schaffen es Patienten
dank domino-coachingTM,
aus dem Pflegeheim wieder auszuziehen.“

Und das funktioniert? Welche Erfolge haben Sie zu verzeichnen?

Karnauchow: Das funktioniert viel besser, als man denkt. Wir messen in bestimmten Abständen die körperlichen und geistigen Fähigkeiten sowie die psychische Gesundheit. Uns gelingt es meistens, zumindest in einem dieser Bereiche Verbesserungen zu erzielen. Einige Bewohner können nach wenigen Wochen domino-coachingTM zum Beispiel wieder selbstständig essen oder zur Toilette gehen, sind weniger depressiv oder weniger kognitiv beeinträchtigt.

Thees: Das heißt, Pflegeheime müssen keine Endstation sein. Immer wieder schaffen es Patienten dank domino-coachingTM, aus dem Pflegeheim wieder auszuziehen.

Wie können Sie sich diese aufwändige Pflege leisten?

Karnauchow: Mit mehr Zuwendung zu pflegen, kostet nicht unbedingt mehr Geld, es ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Wir setzen bei domino-world insgesamt mehr Energie in einen menschenwürdigen Umgang sowie in ein nachhaltiges Management. So bekommen unsere Kunden höherwertige Leistungen zu durchschnittlichen Kosten. Das spricht sich herum: Wir haben volle Häuser und volle Auftragsbücher in den Sozialstationen und Pflegediensten. Deshalb stehen wir wirtschaftlich gut da.

Warum wird dann nicht überall so gepflegt? Liegt die häufig desolate Pflegesituation nicht daran, dass es zu wenig Pflegepersonal gibt?

Karnauchow: Das halte ich für eine Ausrede. Niemand kann behaupten, dass nach dem zweiten Pflegestärkungsgesetz, das 2017 in Kraft getreten ist, zu wenig Geld oder Personal im System ist. Wir haben in der Schweiz Häuser besichtigt, in denen der Personalschlüssel ungefähr doppelt so hoch ist wie in Deutschland und wo auch doppelt so viel Geld in das System hineinfließt. Doch die größte Klage der Schweizer Pflegekräfte lautet ebenfalls: Wir haben zu wenig Personal. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Leute in der Altenpflege haben, sondern dass die Leute in den falschen Denkstrukturen verfangen sind.

„Ein deutscher Politiker
hat die deutschen Pflegeheime einmal
als ‚Waschstraße mit Vollpension‛
bezeichnet.“

Was meinen Sie mit falschen Denkstrukturen?

Karnauchow: Die Misere in der deutschen Altenpflege ist ein Ausdruck dafür, dass wir alte Menschen diskriminieren. Das fängt damit an, dass wir schon 65-Jährige abschreiben und in den Ruhestand schicken. Damit tun wir den Leuten nichts Gutes. Sie begeben sich in eine Komfortzone und sind körperlich und geistig nicht mehr herausgefordert. Das führt dazu, dass sich sämtliche Fähigkeiten zurückbilden. So ergeht es auch den pflegebedürftigen Menschen. In der Altenpflege wird Krankheit und Pflegebedürftigkeit nur verwaltet, aber nicht bekämpft. Ein deutscher Politiker hat die deutschen Pflegeheime einmal als „Waschstraße mit Vollpension“ bezeichnet. Da hat er vollkommen recht!

Wie kann dieser Misere in der Altenpflege abgeholfen werden?

Karnauchow: Wir möchten eine Anti-Altenpflege-Bewegung anzustoßen – ähnlich der Antipsychiatrie-Bewegung in den 70er-Jahren. Die Antipsychiatrie hat mit ihrem gesellschaftskritischen Ansatz dazu geführt, dass sich die Versorgung psychisch kranker Menschen entscheidend verbessert hat. Psychische Erkrankungen sind kein Tabu mehr, die Betroffenen werden weniger diskriminiert und ihre Anliegen ernst genommen. Genauso muss in der Altenpflege ein Umdenken stattfinden. Für unsere Bewegung wollen wir eine Stiftung gründen und Kooperationspartner suchen. Es gibt schließlich eine ganze Reihe von Institutionen und Menschen, die das jetzige System der Altenpflege kritisch sehen.

Thees: Wir wollen für ein neues Altersbild kämpfen. Unser Bild vom Alter stammt noch aus dem letzten Jahrhundert.

Karnauchow: Schauen Sie sich die Rolling Stones an: Mick Jagger zeigt auf der Bühne, was in höherem Alter noch möglich ist. Das kann er nicht, weil er ein genetisches Wunder ist, sondern weil er hart trainiert.